Postersitzungen, Donnerstag, 29. 9. 2016

 
dt/engl
Posterkabinett 5 13:30 - 14:30 29.09.2016
Postersitzung PDo05
Genetik // Genetics
Vorsitzende/r: Ulrich Kellner (Siegburg), Agnes B. Renner (Hamburg)

Referent/in: Andreas Schatz (Stuttgart)
Die multizentrische Anwendungsbeobachtung erfolgte zur Bestätigung der Sicherheit und, als sekundärer Zielparameter, der Wirksamkeit der transkorneal applizierten Elektrostimulation (TES) in einer großen Kohorte von Patienten mit Retinitis pigmentosa (RP). 105 Patienten (mittleres Alter 46±16 Jahre) wurden mit TES (5ms biphasische Pulse mit 20 Hz, 30 Minuten/Woche für 6 Monate) an insgesamt 11 Zentren in Europa behandelt unter Anwendung des OkuStim®-Systems (Okuvision GmbH, Deutschland). Alle Patienten wurden an einem Auge mit 150% der individuellen elektrisch evozierten Phosphen-Schwellen stimuliert. Die Patienten wurden nach einer 4-wöchigen Trainingphase in der Klinik zu Huase (n=32) stimuliert oder in der Klinik (n=73). Der primäre Zielparameter war die Sicherheit der Anwendung. Zu den sekundären Zielparameter gehörten die Sehschärfenuntersuchung, die Perimetrie, die Augendruck- und die OCT-Untersuchungen. Es erfolgten nach einer "Baseline"-Untersuchung 4 Untersuchungen im Abstand von 12 Wochen (die letzten 2 Untersuchungen ohne Stimulation). 97 Patienten vollendeten die Studie nach Protokoll. Bezogen auf die TES wurden keine schwerwiegende unerwünschten Ereignisse festgestellt. Die meisten unerwünschten Ereignisse (UE) ließen sich auf Sicca-Problematiken zurückführen (37,5% aller UE). Die Sehschärfe stieg am stimulierten Auge signifikant an (MANOVA; p< 0,05), während am nicht-stimulierten Auge keine signifikanten Veränderungen festzustellen waren (MANOVA; p>0,05). Die Analyse der Perimetrie erbrachte Tendenzen einer Verbesserung im stimulierten Auge im Vergleich zum nicht-stimulierten Auge (Rank test; p=0,084). Die TES hatte keinen Einfluss auf den Augendruck oder die Netzhautdicke im OCT. Zusammenfassend war die Anwendung der TES sicher. Die UE waren zumeist Sicca-Problematiken, die mit Tränenersatzmitteln adäquat behandelt werden konnten. Die Wirksamkeit der TES wurde durch die signifikante Verbesserung der Sehkraft und Tendenzen der Gesichtsfeldverbesserung nachgewiesen. Die meisten Patienten waren mit der Anwendung der TES zufrieden.
Referent/in: Julia-Sophia Bellingrath (Tübingen)
Purpose: Mutations in RPGRORF15 cause 70 to 90% of X-linked retinitis pigmentosa (XLRP), making this gene a high-yield target for therapeutic intervention. By analyzing pre-treatment characteristics in a cohort of 50 XLRP-RPGR patients, this study aims to assist future interventional trials by analyzing symmetry of disease, rate of progression and suitability of outcome measures. Methods: A retrospective, cross-sectional analysis of 50 patients extracted visual acuity, visual fields (I4e and III4e targets), foveal thickness and ERG data points (ISCEV standard protocol) alongside molecular genetic data. Symmetry and progression were assessed using linear regression and cross-sectional analysis, respectively. Kaplan-Meyer Curves were used to estimate cumulative ‘survival’ of 6/6 vision, reading ability and legal blindness at different ages. Results: Of the observed phenotypes, 96% followed rod-cone and 4% a cone-rod phenotype. 73% of exonic mutations occurred in ORF15. 80% of missense mutations clustered in exons 1-14, whereas 85% of nonsense mutations were present in ORF15. No clear genotype-phenotype relationship could be established between mutations located in exons 1-14 or ORF15. Patients with ORF15 mutations did not have a significantly different visual acuity (p = 0.9) or visual field (III4e; p = 0.6) than those with mutations in exons 1-14. Comparison of both eyes revealed a strong symmetry of degeneration in all outcome measures, with visual fields (I4e R2 = 0.99; III4e R2 = 0.9) and ERG (30 Hz flicker R2 = 0.9) exhibiting the highest symmetry. Disease progression eluded description by a simple function. Kaplan-Meier curve (KMC) estimates predicted a loss of 6/6 vision at a mean of 34 years (± 2.9; Confidence Interval), with a loss of reading ability occurring at 39 years (± 2.6) and a complete loss of vision at 48 (± 1.6) years. Conclusions: High symmetry in all outcome measures confirms that the contralateral eye can be used as an internal control in an RPGR-XLRP gene therapy trial. The variability between patients makes an intra-individual control preferable to an inter-individual control. According to these findings, the most sensitive parameter to measure disease progression and treatment success in an interventional RPGR-XLRP trial seems to be kinetic visual field using the III4e target. KMC analysis predicts the most severe decline in vision between the third and fourth decade of life.
Referent/in: Julia Mohr (Tübingen)
Fragestellung: Mutationen in USH2A können einem autosomal rezessiven Erbgang folgend sowohl Morbus Usher (Retinitis pigmentosa (RP), Schwerhörigkeit / Taubheit, ggf. Gleichgewichtsstörungen), als auch eine nicht-syndromale RP verursachen. Anhand einer großen Patientenkohorte soll geklärt werden, ob bestimmte Mutationstypen vorrangig zu Morbus Usher oder RP führen. Methodik: Genomische DNA der Patienten wurde aus venösen Vollblutproben extrahiert. Die Anreicherung der zu sequenzierenden DNA-Abschnitte erfolgte mittels „custom target-in-solution capture“; dabei werden neben dem USH2A-Gen auch die kodierenden Sequenzabschnitte von insgesamt mehr als 150 Genen, die in ursächlichem Zusammenhang mit hereditären retinalen Dystrophien stehen, angereichert. Die Sequenzierung der Proben erfolgte entweder auf der SOLiD 5500xl oder der Illumina HiSeq 2500 Plattform. Die Annotation der Varianten erfolgte mithilfe verschiedener Datenbanken. Ergebnisse: Insgesamt wurden über 1000 Patienten mit retinalen Dystrophien untersucht. Bei 78 Patienten mit klinisch diagnostiziertem Morbus Usher (n=47; 60,3 %) bzw. klassischer, nicht-syndromaler RP ohne Hörverlust (n=31; 39,7 %) konnten jeweils zwei pathogene USH2A-Mutationen identifiziert werden. Die große Mehrheit der Patienten, die auf beiden Allelen proteinverkürzende Mutationen trugen (Stopp-, frameshift- und Splice-Mutationen, Exon-Deletionen), gehörten zur Gruppe der Patienten mit Morbus Usher (33 Patienten vs. 2 Patienten mit isolierter Retinitis pigmentosa). Im Gegensatz dazu gehörten die Patienten mit mindestens einer nicht proteinverkürzenden Mutation mehrheitlich zur RP-Patientengruppe (29 Patienten mit RP vs. 13 Patienten mit M. Usher). Dieser Unterschied zwischen Mutationstyp und klinischem Phänotyp ist statistisch hochsignifikant (p< 0,0001, Fisher’s exact test). Schlussfolgerung: Unsere Untersuchung zeigt, dass die Art der USH2A-Mutationen eines Patienten die Ausprägung seines klinischen Phänotyps in hohem Maß determiniert.
Referent/in: Andreea Corici (Craiova)
A case presentation is used to discuss the value of full-field ERG in the diagnosis of cone-rod dystrophy. A 49 year old female patient known with amblyopia and myopic astigmatism since childhood, visited us complaining of decreased visual acuity and photophobia. Her BCVA was 0.6 in the RE and 0.4 in the LE. The fundus examination revealed normal coloured and sharply limited papilla, normal macula and narrower vascularization. The Ishihara test was 10/15 in both eyes. The fundus autoflourescence and optical coherence tomography were normal. The DA 3 ERG was decreased and slightly delayed as well as the DA 0.01 ERG. Regarding the cone response, the LA 3.0 and 30 Hz flicker ERG were markedly reduced and delayed. The ERG findings indicated cone-rod dystrophy. At the 8 years follow-up examination, the BCVA decreased to 0.4 and 0.2 in the right and left eye, respectively, the Ishihara test was 1/15 in both eyes and the fundus examination showed a macula with no reflex, otherwise no changes compared to the first examination. The fundus autoflourescence and OCT were still normal. The ERG showed a much decreased and delayed rod response compared to the first examination, while the cone response was undetectable. Our case demonstrates the importance of standard full-field ERG in dignosing CRD. The Full-field ERG responses were decreased and delayed, or even undetectable, while morphological examinations were still unchanged.
Referent/in: Chrysanthi Papadopoulou (Frankfurt/Main)
Einleitung: Das CRB1-Gen kodiert für ein Transmembranprotein (Crumbs 1) der Müller Zellen. Seine extrazelluläre Domäne vermittelt Zell-Zell-Kontakte der Müller Zellen mit den Photorezeptoren. Auf diese Weise ist Crumbs1 an der Entwicklung der Netzhaut und der Anordnung der Photorezeptoren beteiligt. Mutationen im CRB1-Gen wurden mit frühkindlichen schweren Netzhautdegenerationen und Stäbchen-Zapfen-Degenerationen des Kindesalters beschrieben. Hier beschreiben wir das phänotypische Spektrum in den ersten 2 Lebensdekaden bei ursächlichen CRB1-Mutationen. Methoden: Sieben Patienten im Alter von fünf Monaten bis 20 Jahren wurden einer Untersuchung mit Visusprüfung, objektiver Refraktionsmessung, Farbsehprüfung und Funduskopie unterzogen. Die Netzhautschichtung wurde durch eine optische Kohärenztomographie (SD-OCT) und die Fundusautofluoreszenz (FAF) mit Hilfe einer Spectralis HRA Einheit aufgezeichnet. Die SD-OCTs wurden mit der DIOCTA Auswertesoftware einer Schichtanalyse unterzogen (Ehnes et al. TVST 3:1 (2014)). In Abhänngigkeit von der Kooperation wurden eine Ganzfeld-Elektroretinographie (ERG, ISCEV Standard) sowie eine kinetische Perimetrie nach Goldmann durchgeführt werden. Ergebnisse: Fünf der Patienten zeigten in den ersten Lebensmnaten ein massiv reduziertes Sehvermögen im Bereich von Handbewegungen, das sich nicht besserte. Bei der sechsten Patientin betrug der Visus im Alter von 12 Jahren RA 0,2 / LA 0,06. Bei der siebten Patientin betrug der Visus im Alter von 20 Jahren RA 0,5 / LA 0,4. Das Ganzfeld-ERG lag bei allen deutlich unter der Norm oder war nicht mehr ableitbar. Das Gesichtsfeld war eingeschränkt. Die Photorezeptorschichten waren im SD-OCT deutlich reduziert. Die innere Kernschicht war verdickt. Die am schwersten betroffenen Patienten trugen Mutationen, die zu einem Verlust des Genprodukts führten (Spleiß-Mutationen, Nonsense-Mutationen, Duplikationen). Beide Patienten mit besserem Visus trugen zumindest auf einem Allel eine hypomorphe Missense-Mutation, der eine Restfunktion des Genproduktes zugestanden werden konnte. Diskussion: Patienten mit CRB1-Mutationen zeigen in erster Linie einen schweren Phänotyp mit stark reduziertem Sehvermögen von Geburt an. Missense-Mutationen mit einer Restfunktion des Genproduktes waren mit leichteren Phänotypen assoziiert.
Referent/in: Benedikt Book (Münster)
Einleitung: Die in 2008 erstmals beschriebene autosomal rezessive Bestrophinopathie (ARB) zeichnet sich aufgrund unterschiedlicher homozygoter oder komplex heterozygoter Mutationen im BEST1-Gen durch ein breites phänotypisches Spektrum aus. Methoden: Wir erhoben folgende Untersuchungen bei 5 Mitgliedern aus 2 betroffenen Familien: bestkorrigierten Visus, Autofluoreszenz, OCT, FAG, ICGA, Goldmann Perimetrie, Mikroperimetrie, Panel D 15, EOG, multifokale und Ganzfeld-ERG. Die genetische Untersuchung erfolgte über direkte Sanger Sequenzierung der Gene BEST1, EFEMP1, RS1 und TIMP3. Ergebnisse: Wir untersuchten zwei 46- und 49-jährige Brüder, die sich mit PE-Verschiebungen und subretinaler Flüssigkeit unter der Diagnose einer atypischen CSCR in unserer Klinik vorstellten. Aufgrund der verwandtschaftlichen Beziehungen, dem untypischen Verlauf der CSCR sowie klinisch gelblichen, in der OCT hyperreflektiven und hyperautofluoreszenten subretinalen Ablagerungen führten wir eine genetische Untersuchung auf erbliche Netzhauterkrankungen durch. Eine Analyse der EFEMP1 und TIMP3 Gene wies keine pathologischen Ergebnisse nach jedoch zeigten beide Brüder komplex die heterozygote Mutationen p.Leu67Valfs*164/p.Ala195Val im BEST1 Gen. In einem 3. Fall stellte sich ein 21-jähriger türkischstämmiger Sohn aus einer Verwandtenehe 3. Grades mit rezidivierenden Episoden von Photophobie in unserer Uveitissprechstunde vor. Klinisch zeigten sich gelbliche, hyperautofluoreszente subretinale Ablagerungen am hinteren Pol sowie ein zystoides Makulaödem ohne Leckage in der Angiographie. Auffällig war darüberhinaus eine äquatoriale fast zirkuläre hypoautofluoreszente Linie. In der OCT war eine schisisartige Ansammlung subretinaler Flüssigkeit bis in die mittlere Peripherie mit ISe-Bandenverdickung erkennbar. Photopische und skotopische Ganzfeld ERG Antworten sowie multifokale ERG Antworten waren abnormal mit verminderten Amplituden. Eine Sequenzierung des RS1 Gen erwies keine pathologische Mutation wenngleich eine homozygote p.Asp118His Mutation auf Exon 4 des BEST1 Gen identifiziert werden konnte. Die asymptomatischen Eltern des Patienten erwiesen sich als heterozygote Konduktoren ohne klinische Auffälligkeiten. Schlussfolgerung: Wir berichten über zwei neuartige ARB-assoziierte BEST1-Mutationen und stellen ARB aufgrund seiner klinischen Heterogenität als wichtige Differenzialdiagnose für diverse retinale Erkrankungen dar.