„Wenn wir die Herausforderungen meistern wollen, vor denen unsere alternde Gesellschaft steht, benötigten wir eine auskömmliche Finanzierung.“ – Interview mit dem DOG-Präsidenten

Die DOG 2016 steht unter dem Leitthema „Augenheilkunde – ein großes Fach“. Präsident der DOG Professor Horst Helbig erklärt, warum er dieses Motto gewählt hat, welche Neuerungen es gibt und auf welche Highlights sich die Teilnehmer freuen können.

Interview mit dem Präsident der DOG
Professor Horst Helbig

Frage: Herr Professor Horst Helbig, Sie haben das Leitthema „Augenheilkunde – ein großes Fach”. Welchen Akzent wollen Sie damit setzen?

Die Fakten sind: Kaum eine medizinische Disziplin behandelt so viele Patienten mit so vielen Volkskrankheiten und mit so großem Erfolg wie die Augenheilkunde – rund 18 Millionen Deutsche sind von Leiden betroffen, die ihre Sehfähigkeit beeinträchtigen oder gar bedrohen. Beim Kampf um begrenzte Ressourcen sind manche in der Gesundheitspolitik verleitet, eine scheinbar logische Rechnung aufzumachen: kleines Organ gleich kleines Fach. Da müssen wir dagegen halten.

Unsere Patienten nehmen Sehen als extrem wichtig wahr, als hohes Gut. Gerade im hohen Lebensalter ist die Sehkraft durch die großen Volkskrankheiten am Auge besonders bedroht. Sehen ist in jedem Lebensalter, auch im fortgeschrittenen, von unschätzbarem Wert, weil es Teilhabe und Lebensqualität ermöglicht. Jeder, der mit älteren Angehörigen in Kontakt steht, wird das bestätigen. An dieser Relevanz gemessen, ist die Augenheilkunde ein wahrlich großes Fach. Wenn wir die Herausforderungen meistern wollen, vor denen unsere alternde Gesellschaft steht, benötigten wir eine auskömmliche Finanzierung. Zugleich besitzt die Erforschung neuer, besserer Therapien enorme Bedeutung. Das ist die Botschaft, die wir unter dem Motto „Augenheilkunde – ein großes Fach“ auf dem diesjährigen Kongress selbstbewusst nach außen tragen wollen.

Frage: Bisher waren Ophthalmologen vorrangig mit Optimierungsprozessen im Sinne der fehlerfreien „best practice“ beschäftigt. Sie haben nun die neuen Formate „Vom Saulus zum Paulus“ und „Aus Fehlern lernen“ ins Leben gerufen, die sich mit Irrwegen und Versäumnissen beschäftigen. Das ist mindestens ungewöhnlich…

Ungewöhnlich vielleicht, jedenfalls in Deutschland. Das mag mit Haftpflichtaspekten, aber auch mit Mentalitäten zu tun haben. In Großbritannien ist die offene Fehlerdiskussion innerhalb der Ärzteschaft jedenfalls sehr viel weiter verbreitet. Natürlich dient hier wie dort gerade der offene Umgang mit „Fehlern“ deren Vermeidung in der Zukunft. Um uns auf diese Sichtweise einzustimmen, wird Professor Heinrich Heimann, am Royal Liverpool University Hospital tätig, im Symposium „Aus Fehlern lernen“ zunächst kurz die Unterschiede zwischen englischer und deutscher Fehlerkultur beleuchten. Dann folgen vier erfahrene Kollegen, die jeweils fünf Irrtümer – eigene wie fremde – aus einer Subspezialität vorstellen. Für ihren Mut, dieses ungewöhnliche Format mit Leben zu erfüllen, möchte ich meinen Kollegen an dieser Stelle ausdrücklich danken! Beherztheit setzt auch das neue Symposium „Vom Saulus zum Paulus“ voraus. Hier geht es im Kern um die grundsätzliche Frage, wie man als Arzt mit einem Fach umgeht, das ständigen Änderungen unterworfen ist. Anders formuliert: Wie kann ich erkennen, ob es sich bei einer neuen Methode bloß um einen Marketing-Hype handelt oder ob sie tatsächlich Vorteile für Patienten bringt? Am Ende des Tages bleibt dem Kliniker in vielen Fällen eigentlich nur das Prinzip „Trial and Error“. Das wiederum setzt den Mut voraus, tradierte Ansichten gegen den Strich zu bürsten, konservative Standpunkte zu verlassen, aber auch eingeschlagene Irrwege als solche zu erkennen. In diesem Sinne referieren erfahrene Kliniker über ihren Umgang mit Sackgassen in der Retinologie, die schwierige Geburt der nahtlosen Vitrektomie, die aktuelle Kontroverse um minimal-invasive Glaukomchirurgie und Trabekulektomie sowie die Annahme, bei der refraktiven Chirurgie handele es sich nur um „Lifestyle-Medizin“. In einer offenen Diskussion mit Kollegen sollen persönliche Erfahrungen und Überlegungen zur Entscheidungsfindung, wie man mit Innovationen umgeht, ausgetauscht werden. Saubere „Evidenz-basierte“ Entscheidungspfade sind bei Neuerungen eher selten. So bleibt die Medizin dann manchmal doch, neben der exakten Naturwissenschaft, eine „Heilkunst“, die auf Erfahrung und „Bauchgefühl“ des Klinikers nicht ganz verzichten kann.

Frage: Auf welche wissenschaftlichen Highlights dürfen sich die Teilnehmer freuen?

Da möchte ich an erster Stelle auf die Keynote Lectures hinweisen. Erneut ist es gelungen, international herausragende Experten zu gewinnen, die den neuesten Erkenntnisstand auf ihrem Fachgebiet präsentieren. Der australische Ophthalmologe Professor Minas Coroneo beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Pathophysiologie des Augenepithels und den Auswirkungen von Sonnenlicht auf das Auge. In seiner Keynote Lecture „The sun and the eye“ wird er am Donnerstag darlegen, wie Licht das Auge schädigt. Am Freitag folgt Keynote Speaker Professor Morten Dornonville de la Cour. Unter dem spannenden Titel „Pseudophakic rhegmatogenous retinal detachment (A few hints to the blame game)“ wird der dänische Netzhautspezialist die Epidemiologie rhegmatogener Netzhautablösungen, ihre Risikofaktoren und die Einflüsse der Kataraktchirurgie aufzeigen – ein absolut brisantes Thema für die refraktive Linsenchirurgie bei Kurzsichtigen. Am Samstag endet die Reihe der Keynote Lectures mit einem besonderen Highlight: Die DOG verleiht Professor Eberhart Zrenner die Albrecht-von-Graefe-Medaille, und ich möchte jedem Kongressteilnehmer seine Albrecht-von-Graefe-Gedächtnisvorlesung zur „Augenheilkunde als medizinische Leitdisziplin“ ausdrücklich ans Herz legen. Indem Eberhart Zrenner die Vorreiterrolle der Ophthalmologie in der Biomedizin definiert und einen Bogen spannt von Genersatz-Therapie, neuronaler Stammzell-Transplantation und Neuroprotektion bis zu Optogenetik und „small molecules“, demonstriert ein herausragende Forscher die Größe des Faches Augenheilkunde auch in der Wissenschaft.

Frage: Was ist aus Ihrer Sicht in diesem Jahr besonders relevant für die Praxis?

Da müsste ich so Einiges aufzählen! Stellvertretend möchte ich das Symposium „Über- und Untertherapie des Glaukoms“ erwähnen, das praxisrelevante Grenzfälle thematisiert. Das Symposium „10 Jahre anti-VEGF Therapie“ vergleicht die Versorgungssituation in Deutschland, Österreich und der Schweiz und gibt so einen Benchmark der Behandlungsschemata. Nicht zu vergessen: „DOG-Update – State of the Art“, der kompakte Überblick über die wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse der zurückliegenden fünfzehn Monate. Das noch recht junge Fortbildungsformat leitet seit 2013 konkrete Empfehlungen für Klinik und Praxis ab und erfreut sich gerade aus diesem Grund zunehmender Beliebtheit. Daneben gibt es eine Vielzahl relevanter Kurse, etwa zur Rezertifizierung von IVOM oder zur Nachsorge bei malignen Erkrankungen. Für Teilnehmer aus dem Ausland bieten wir beispielsweise den englischsprachigen Kurs „Principles and clinical impact of Optical Coherence Tomography (OCT)“ an.

Frage: Ihr persönlicher Tipp für den Kongress?

Nutzen Sie die Chance, bei den Postersitzungen in kleinem Kreis und informellem Rahmen sowohl mit den Posterautoren als auch den erfahrenen Moderatoren zu diskutieren. Das aktuelle Format mit Nutzung von Headsets und der Aufteilung auf inhaltlich gebündelte Themen hat die Sitzungen zu einem echten Highlight der DOG gemacht.
Außerdem freue ich mich dieses Jahr wieder auf Veranstaltungen, die Wissen auf unterhaltsame Art und Weise vermitteln – zum Beispiel die Symposien „Consilium diagnosticum“ und „DOG kontrovers“.